Workshop
18:00 Prof. Dr. Wolfgang Ernst: Begrüßung und Eröffnung des Workshops18:15 Key Note: Charles Alunni, Directeur du Laboratoire disciplinaire Pensée des Sciences: »The diagram as Image proof«19:15 Sebastian Döring, Felix Pfeifer: Phantasie für die Flammenröhre. Akustische Beobachtungen. Performance10:00 Wolfgang Ernst: Begrüßung und Einführung in das Thema10:40 Teresa Busjahn: Analog-Digital-Hopping11:20 Pause11:30 Wladimir Velminski: Die Kraft, der Druck und das Gefäß12:10 Philipp v. Hilgers: Diagrammatiken der Black Box13:00 Pause14:30 Shintaro Miyazaki: Algorhythmik vs. Diagrammatik – wenn [Speicher]-Fläche in Zeit übergeht15:10 Birgit Schneider: Mechanische Partituren. Das Wirksamwerden notationaler Bildlichkeit an Bsp. aus der frühen Musterweberei15:50 Pause16:00 Sebastian Döring, Felix Pfeifer: Algebraische Diagrammatik vs. Data Flow16:40 Isabell Schrickel: Bypassing Mathematics: Wettervorhersage mit Karten und Diagrammen17:20 Abschluss-Panel mit Charles Alunni, Wolfgang Schäffner und Wolfgang ErnstDas Operativwerden diagrammatischer Notationen und die Dynamisierung des Topologischen gehört zu den wesentlichen Zügen technomathematischer Medien. Operative Diagrammatik setzt nicht schlicht Erzeugungsprozesse ins Bild, sondern auch in die Welt, das heißt in die Zeit, indem hier die angezeigten Prozesse zugleich operativ werden. Diagrammatische Maschinen sind Zeitereignisse und Zeitfolgen. — Nach zahlreichen Studien zur Ikonizität, Graphematik und Logik von Diagrammen, die das Thema bislang behandelt haben, arbeitet der Workshop die spezifisch medienwissenschaftliche Blickverschiebung der Frage nach dem Diagrammatischen heraus: die Phänomene von Diagrammatik im Vollzug (zu der dann auch etwa »akustische Diagrammatik« gehört). Der methodische Einsatz des geplanten Workshops liegt in der Erprobung der Frage, für welche zeitlichen und epistemischen Momente der Medien- und Wissenschaftsgeschichte das Diagrammatische spezifisch medientheoretisch thematisiert werden muss, und wo es über die vertrauten Gedankenmodelle aus Logik und Semiotik ins Dynamische weist.
Teresa Busjahn: Analog-Digital-Hopping — Das Operativwerden von Diagrammen zeichnet sich durch ein mannigfaltiges Zusammenspiel des Analogen und Digitalen aus. Exemplarisch werden zwei solcher Diagramme vorgestellt. Zum einen wird die Simulation eines kontinuierlichen Flugs der A4-Rakete auf einem Computer betrachtet. In dieser digitalen Simulation eines Analogcomputers werden aus diskreten Werten Funktionen interpoliert, die eine Darstellung der Raketenlage in einem Diagramm ermöglicht, welches simultan zum Flug geschrieben wird. Dieses Operativwerden der Daten in der Zeit stellt letztlich eine Analogie zum Flug selbst dar. Obwohl die Kurve im Diagramm genau wie die Bewegung der Rakete stetig verläuft, beruht sie auf diskreten Daten mit kleiner Schrittweite und in ihrer Darstellung auf Pixeln, Kontinuität wird somit nur suggeriert. — Zum anderen wird das Foto einer abgeschossenen Fi 103 präsentiert, welches nicht nur selbst diskrete und kontinuierliche Daten aufweist, nämlich die Punkte, an denen Flak-Geschosse explodierten und die Flugbahn der Fi 103. Es dokumentiert auch das Resultat einer Reihe von analogen und digitalen Prozessen, da die Berechnung einzelner zukünftiger Positionen des Flugkörpers mithilfe von diskreten Koordinaten in einem Analogcomputer, dem M-9-Richtgerät, erfolgt. Dabei stellt sich die Frage, ob das Foto nicht als ein ikonisches Analogon zu einem Diagramm des abgebildeten Prozesses angesehen werden kann.
Birgit Schneider: Mechanische Partituren. Das Wirksamwerden notationaler Bildlichkeit an Beispielen aus der frühen Musterweberei — In der geometrischen Musterweberei wurden seit dem 17. Jahrhundert unterschiedliche Notationsweisen entwickelt, welche Operationen der Maschine in bildliche Zeichen übersetzten. Sie basieren auf Strichfolgen, Liniensystemen, Punkten und Ziffern und stammen Deutschland, Italien und Frankreich. — Anhand dieser Notationsweisen lässt sich exemplarisch zeigen, wie sich die dreidimensionale Ordnung der Maschine (Webstuhl) in die zweidimensionale Ordnung des Diagramms abschichtet. Operativ werden diese Diagramme in mehrfacher Hinsicht. Als Anweisungen für die Einrichtung und das »Spielen« des Webstuhls ähnlich einer Orgel, als Möglichkeit der Mustergenerierung durch Kombinatorik und schließlich in der historischen Konsequenz der Lochkarte, welche als mechanische Partitur die Muster seit dem frühen 18. Jahrhundert automatisch steuerte.
Philipp v. Hilgers: Diagrammatiken der Black Box — Ist die kybernetische Black Box ein Diagramm oder eine Maschine? Die Frage scheint falsch gestellt. Denn was sich zeigen lässt, ist, das mit dem Aufkommen der Black Box Diagramme wie Maschinen behandelt werden und Maschinen wie Diagramme. Diese Wechselbeziehung auszuloten, ist Ziel des Beitrags und erfordert, die spezifisch historischen Hintergründe der Black Box auszuleuchten.
Wladimir Velminski: Die Kraft, der Druck und das Gefäß — Mein Beitrag handelt von Leonhard Eulers »Vollständiger Theorie der Maschinen«. Darin stellt Euler das Prinzip einer von ihm erfundenen Wasserturbine vor, die zum Vorläufer der Turbinentechnik wurde. Indem ich Eulers diagrammatische und historische Ankoppelungen beleuchten werde, möchte ich zeigen, dass Eulers Theorie sich nicht nur auf die in Röhren fließendes Wassers beschränkt, sondern zugleich eine hydraulische Maschine denkt, die durch pulsierendes Blut am Laufen gehalten wird.
Shintaro Miyazaki: Algorhythmik vs. Diagrammatik – wenn [Speicher]-Fläche in Zeit übergeht — Ich möchte mit meinen Beitrag anhand einer medienarchäologischen Untersuchung des schon historischen Magnetkernspeichers (1949–1970) den Prozess untersuchen, wenn in Fläche gespeicherte Daten (= Diagramm?) in den operativen Medienprozessen zu algorhythmisch verzeitlichen Signalflüssen transformiert werden. Das heisst wenn Bitmuster, zu Bit-rhythmen werden. Wie in einem Diagramm sind dabei die Speicherzellen diagrammatisch beziehungsweise fast schon textilartig angeordnet. Das Diagramm ist so verstanden mit einem Speicher zu vergleichen, das jedoch beim Vollzug in Algorhythmen übergeht. — Die Magnetkernspeicher sind frühe Formen von RAM und wurde ab 1953 im Whirlwind (MIT) Computer anstelle der anfälligeren Williams-Tubes eingesetzt. Spätere Meilensteine der Computergeschichte wie der TX-0 (1956) und PDP-1 Computer (1960) besaßen auch einen Magnetkernspeicher. Der Beitrag untersucht ein oder zwei exemplarische Formen dieser nun veralteten Art von digitaler Speicher auf das Verhältnis von Fläche (Diagrammatik) und Signal (Algorhythmik).
Sebastian Döring, Felix Pfeifer: Visualizing Oscillations — »Wieweit die Emanzipation vom natürlichen Klang bereits fortgeschritten ist, davon geben die Partituren dieser Richtung ein aufschlußreiches Bild. Das Notenbild ähnelt mit seinen in weiten Sprüngen gesetzten Tonpunkten geradezu einem Oszillogramm. Man hat den Eindruck, daß seine Verwirklichung die Präzision und Beweglichkeit des die Noten rasternd abtastenden Strahles der Braunschen Röhre voraussetzt.« (Robert Beyer, 1954) — In den knapp einhundert Jahren zwischen Fouriers Theorem und DER RÖHRE hat man Sinusschwingungen nicht gesehen. – Hat man nicht? – Hat man! Für Jean Baptiste Joseph Fourier war seine Methode ein »universales Prinzip der analytischen Geometrie«, für Georg Simon Ohm eine »Definition des Tones«, für Hermann Ludwig Ferdinand von Helmholtz der Schlüssel zur »Schwingungsform«. Dem »materiellen« Sinuston wurde mit verschiedenen Medien auf den immateriellen Zahn gefühlt. Die bekanntesten sind der Kymograph und die Sirene. Eine kleine Medientheater-Einlage zu operativer Diagrammatik gibt mit dem Rubens'schen Flammenrohr ein echt »heißes« Medium der Wellenvisualisierung zu sehen – und hören.
Isabell Schrickel: Bypassing Mathematics: Wettervorhersage mit Karten und Diagrammen — Der Beitrag versucht den epistemischen Charakter der Wetterkarte, wie sie sich seit dem frühen 19.Jahrhundert entwickelt hat, zu präzisieren. Wetterkarten zeigen im Unterschied zu Klimakarten einen datenmäßig möglichst hoch aufgelösten momentanen Ausschnitt des atmosphärischen Geschehens. Ein solches »Standbild« wird aus standardisierten Messwerten mittels graphischer Methoden (Isolinien für Luftdruck, Temperatur oder Niederschlagsart, Strömungslinien, Pfeile, schraffierte Flächen etc.) konstruiert – so ist jeder entscheidende Punkt auf dieser Karte Ausdruck des ihm zugrunde liegenden Satzes von Messwerten und durch die graphische Interpolation der Zwischenräume wird diese zunächst geographisch lesbare Karte zu dem werden, was Felix Auerbach 1913 als »Feldbild« bezeichnete. Ein Feldbild ist ein Diagramm, auf dem die realen physikalischen Zusammenhänge graphisch konfiguriert sind. In diagrammatischen Operationen wurden Wirbel, Fronten oder Strömungen sichtbar und es zeigten sich damit die Phantombilder der noch zu erforschenden Physik der Atmosphäre, der Meteorologie als einer exakten Wissenschaft (Vilhelm Bjerknes, 1913). Dies ist die erste epistemische Strategie der Wetterkarte. Ein zweiter, eigentlich operativer Aspekt ist die Extrapolation dieser Figuren/Wetterlagen in die Zukunft. Doch zuerst musste die massenhafte telegraphische Übermittlung von Wetterdaten die in den Wetterbüros synthetisierten Karten auf jenes rechtzeitige Niveau bringen, das eine Prognose, eine Vorausschau erlaubt. Der Beschreibung des Wetterverlaufs im Register der mathematischen Physik, in partiellen Differentialgleichungen also, geht der synoptische Meteorologe mit graphischen Rechenmethoden, Nomographie, Tephigraphie – kurz: operativer Diagrammatik – aus dem Weg.